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Als Heimatloser (ich bin zu oft umgezogen, um einen bestimmten Ort Heimat nennen zu können) habe ich wenigstens eine Wahlheimat, die mich glücklich und zufrieden macht - Vorarlberg.

Bei aller Kritik über bestimmte Zustände im Ländle weiß ich dennoch dieses Gebiet auf dem Planeten zu schätzen. Vor allem dann, wenn ich von irgendwo in der Welt zurückkomme. Klar - das Meer fehlt am Bodensee-Strand. Trotzdem wirkt der See - gerade bei schlechten Wetter - manchmal wie ein Fjord. Irgendwo da draußen im dunstigen Nichts fließt er hinaus ins Meer - soweit die Illusion. Auch soziale und rechtliche Sicherheit, gesundheitliche Versorgung etc. sind Parameter, die meines Erachtens eine Heimat ausmachen. Denn was nützt mir die schönste Landschaft, wenn ich dort, wo ich grad bin, an einer kleinen Krankheit sterben könnte - mangels vorhandener medizinischer Versorgung.

Ist Heimat also die Kombination von Schönheit und Sicherheit? Ich weiß es nicht. Aber dieses große Wort begleitet mich schon länger (eben, weil ich keine "angeborene bzw. vererbte" Heimat besitze). Und auch in der öffentlichen Diskussion ist es ein unbequemes Wort - bis heute von Rechten als Anspruch auf bestimmte angestammte Vorrechte gegenüber anderen missbraucht, von Linken als unmodern, überkommen, konservativ und unliberal diffamiert. Mir gefällt der Begriff Heimat schon deshalb, weil er weiblich ist und irgendwie Wärme, Geborgenheit und bedingungslose Liebe beinhaltet wie bei einer Mutter zu ihrem Kind. Dagegen widert mich der Begriff "Vaterland" geradezu an. Das Bild eines gestrengen Lehrers mit Rohrstock und Bibel erscheint da vor meinem inneren Auge.

Als mich mal jemand fragte, wie ich Heimat beschreiben würde, da antwortete ich: "Am besten mit Straßenkreiden."

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So entstand die Idee, meine Gedanken und meine eigene Zerrissenheit und Suche zu diesem Begriff anstatt aufs Papier auf die Straße zu bringen. Und zwar mit Straßenkreiden, die einerseits keinen bleibenden "Schaden" wie Graffity-Sprays anrichten und andererseits der geschriebenen Botschaft im öffentlichen Raum ein realtiv kurzes Verfallsdatum geben - spätestens beim nächsten Regen sind alle schlauen Sprüche wieder verschwunden. Und so soll es auch sein. Wer Kunst für die Ewigkeit schaffen will, sollte es besser lassen. Denn die generelle Metapher unseres Daseins auf diesem Planeten ist, dass nichts bleibt, alles vergeht und ein steter Wandel sogar wichtig ist. Das begreifen nicht alle (oder vielmehr die wenigsten). Man muss "loslassen" lernen.

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Erste Location: Pipeline in Bregenz

Als erstes kleines Kunstprojekt startete ich deshalb am Freitag, den 23. April in Bregenz am Hafen mit meiner Asphalt-Prosa. Ich habe es nicht angekündigt, wollte eigentlich auch kein Event oder Happening draus machen. Es ging mir darum, einfach mal auszuprobieren, wie sich das anfühlt, wenn man sich mit ein paar Straßenkreiden auf den Boden kniet und anfängt, diesen zu beschreiben. Es war ein sonniger (anfangs noch kühler) Morgen und die Pipeline (wie der Rad/Geh-Weg zwischen Bregenz und Lochau genannt wird) war noch wenig bevölkert - ein paar Jogger, ein paar Frühaufsteher mit genüsslichem "Guten-Morgen-Joint", ein paar Muttis mit Kinderwagen.

Sogar die Jungs der Stadtreinigung Bregenz, die in Pickup und Kehrmaschine vorbeikamen, interessierten sich für den Inhalt meiner Kritzelei. Meine Sorge, dass die Kehrmaschine nun gleich meine Gedanken vom Asphalt schruppen könnte, war auch umsonst: "Wenn, dann fahren wir erst am Samstag oder am Montag durch!" meinte der Fahrer der Kehrmaschine und machte mit seiner Arbeit weiter ohne meine Kreidestriche zu behelligen. Danke Stadt Bregenz.

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Die ersten, die auf mein Gekritzel aufmerksam wurden, vermuteten natürlich sofort Anti-Corona-Statements. Doch als sie zu lesen begannen, waren sie fast enttäuscht, dass es "nur" um das Wörtchen Heimat ging. Andere Passanten lobten mich meiner klugen Gedanken, stimmten stumm nickend zu oder machten mich sogar (wie ein freundlicher Exil-Tiroler auf dem Fahrrad) auf ein fehlendes "T" im Wort "Heimat" 70m zurück aufmerksam. Mit einem Stück Kreide bewaffnet, fuhr er dann zurück und besserte es für mich aus. Ein paar Leute durfte ich auch dabei fotografieren, während sie die Texte beim Vorbeispazieren lasen. Andere wiederum sahen die Schrift am Boden überhaupt nicht - ihre Blicke filterten sie aus, weil sie in Gedanken vielleicht auch ganz anderes, für sie relevanteres durchzukauen hatten. Ich nahm mich und meine Weisheiten jetzt auch nicht so wichtig, als dass ich es ihnen krumm nehmen könnte. "Würde ich selbst denn auf alles, was da irgendwo am Boden gekritzelt steht - reagieren?" Jedenfalls ergaben sich ein paar nette Gespräche mit einem Koch aus der Schweiz, zwei Damen beim morgendlichen Walken, zwei Muttis mit Kinderwägen, einem Rentner aus Deutschland und einigen mehr. Mein Plan, die gesamte Pipeline bis Lochau (3 km) zu beschreiben, war natürlich Illusion. Ich beschränkte mich auf die Strecke, die "zweispurig" für Fußgänger und Radfahrer ausgebaut ist (also vom Hafen bis zur Milli). Denn diese geschätzten 300m benötigten schon drei Stunden Zeit. Und meine Knie, die trotz Rollbrett und Kissen, ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurden, dankten es mir, als ich um 11.00 Uhr Feierabend mit meiner Kunstaktion machte. Da passte es natürlich, dass meine Frau mit zwei kühlen Bierchen vorbeikam und wir dieses kleine, stille Kunst-Event begossen.

Wie geht's weiter?

Das Projekt "Heimat beschreiben." möchte ich noch das ganze Jahr über bis in den Herbst weiterführen. Begonnen habe ich am See - in fünf bis sechs Zwischenschritten (Lauterach, Dornbirn, Hohenems, Feldkirch, Nenzing, Bludenz, Schruns...) soll es dann an die Mauer des Silvretta-Stausees gehen (eigentlich wollte ich die stählernen Druckleitungen die von der Mauer ins Tal führen verschönern, aber die wurden/werden gerade abmontiert). Na ja, mal sehen, wo es mich mit meinen Straßenkreiden und meinem Thema "Heimat" im Ländle hinverschlägt. Spätere Happenings würde ich dann auch gerne mit Freunden aus der Kulturszene gemeinsam machen. Ich gebe Bescheid, sobald ein fixer Termin und Ort steht.

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